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    Von Jan Vollmer
    17. Juli (Die Welt) -- Die Sonne brennt heiß auf die hellen Platten, den Sichtbeton und die leeren Sitzbänke auf dem Campus der Wirtschaftsuniversität in Wien-Leopoldstadt, unweit des Praters.
    Um den Platz herum drängeln, keilen und pressen sich die Bauwerke sogenannter Stararchitekten und quengeln um Aufmerksamkeit: auskragende Dächer, Schluchten aus Stein, Senken aus Beton, Nischen aus Glas, ineinanderverschobene Vier-und Rechtecke, Blöcke wie aus Blätterteig. Alle schreien: "Ich bin modern!" und "Ich auch!" und "Ich auch!" und "Ich auch!" Keine Ahnung, wie man bei diesem Design-Lärm in Ruhe arbeiten kann.
    Ein Student im Polohemd läuft vorbei, und sein kleiner weißer Terrier wirft sich in einen der Betonbrunnen und lässt sich an der Leine durchs warme Wasser schleifen. Ich muss an Anita Ekberg und den Trevi-Brunnen denken. Aber nur kurz.
    Im Gebäude "D2", einem in die Länge gezogenen Baukörper mit einer schwarz-weißen Fassade aus Mille-feuille-mäßig übereinandergelegten, dünnen Schichten, und in einem Büro auf einem leeren schwarz-weißen Flur im zweiten Stock steht Shermin Voshmgir (44), Direktorin des neuen Instituts für Kryptoökonomie, und fragt sich, was all diese Menschen von ihr wollen.
    Große Podiumsdiskussion im Foyer des Nebengebäudes: "750 Leute haben sich für heute Abend angemeldet." Aufgeführt wird als Podiumsdiskussion: "Blockchain and the Token Economy: Could nation states lose their monopoly on printing money?" So was füllt heute Säle.
    In all dem Schwarz-Weiß sitzt die Wirtschaftsinformatikerin mit der graumelierten Mähne in einem bläulich-grünlichen Kleid und pinkfarbenen Lippen auf einer Couch. Auf dem Schreibtisch liegt ihr Hut. Revolutionsrot.
    Das Interesse an dem Fach von Shermin Voshmgir ist groß. Die wenigsten kapieren, was eine Blockkette eigentlich ist, aber das stört auch nur die wenigsten. Alle haben schon von den Digitalwährungen Bitcoin oder Ethereum gehört und von den Blockchains und haben die Ahnung, dass das wieder so etwas ist, das neu und anstrengend und kompliziert ist und durchs Ignorieren nicht wieder verschwindet.
    "Sogar die Boulevardpresse war mal hier: WU Wien erforscht jetzt Bitcoins und Co., haben sie geschrieben, und für das Foto musste ich einen Laptop hochhalten. Firmen wollen sich mit uns auf einen Kaffee treffen, Studenten wollen wissen, wo sie studieren können, Politiker wollen Empfehlungen für Gesetze. Es ist völlig verrückt. Ich mach' jetzt mal ein paar Wochen Pause, weil ich nicht zum Arbeiten komme. Zwischen Vorträge-Halten und Interviews-Geben muss ich ja selbst auch auf dem Laufenden bleiben, Krypto ist ein komplexes Thema."

    Hinterm Müll geht die Krypto-Sonne auf

    Ja ja, und nebenan warten 750 Leute auf dieses komplexe, kryptische Thema.
    An den Wänden in ihrem Büro hat die Wienerin etwas montiert, das man als Kunst bezeichnet. An der Tür hängt ein Plakat, auf dem "Son of a Bit" steht, über der grauen Sofagarnitur kleben Kleinkacheln mit den Symbolen von Kryptowährungen. An der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch: das Bild einer chaotischen Landschaft, über der tief am Horizont eine apfelsinenfarbene Bitcoin-Sonne steht.
    "Was ist das für eine Landschaft im Vordergrund, ist das Müll?", frage ich.
    "Das könnten die Reste unserer Gesellschaft sein", antwortet Shermin Voshmgir.
    "Und dahinter geht die Krypto-Sonne unter", sage ich.
    "Vielleicht geht die Krypto-Sonne ja auch auf", sagt Shermin Voshmgir.
    Stimmt. Kann gut sein.
    Ein Freund von ihr habe das Bild gemalt. Es zeigt, was Shermin Voshmgir mit ihrem neuen Institut für Kryptoökonomie im Schilde führt: eine Welt, in der eine neue Krypto-Sonne aufgeht und nicht unter.
    Anfang des Jahres ist sie zur Direktorin des weltersten Instituts für Kryptoökonomie berufen worden. Es ist eine Lehranstalt, die sich auf das Gebiet spezialisiert hat, wo Wirtschaft und Kryptografie, also Verschlüsselungstechnik, eine Schnittmenge bilden.
    Es mag boulevardesk klingen, wenn Österreichs Boulevardpresse schreibt: "WU Wien erforscht jetzt Bitcoins und Co." Aber natürlich hat die "Kronen Zeitung" recht: Bei der Digitalwährung Bitcoin haben die Prinzipien der Kryptografie und der Ökonomie erstmals zusammengewirkt.
    Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei der Blockkette um eine quasi endlose Kette digital verbundener Kassenbücher. Jeder Transfer wird in der Datenbank aufgezeichnet und ist für jeden einsehbar, aber verschlüsselt und fälschungssicher.
    Die Technik hat vor allem die Finanzindustrie in Aufregung versetzt. Denn sie bedroht ihr Geschäftsmodell: Sie verheißt eine Zukunft, in der sich Finanztransaktionen ohne Banken oder Bargeld billiger und sicherer abwickeln lassen.
    Es geht in der Kryptoökonomie, dieser neuen Wissenschaft, aber nicht nur und nicht einmal zuallererst um Bitcoins und das digitale Geld als vielmehr um den Grundgedanken, auf dem sie beruht. Dass ein Netzwerk oder Beziehungsgeflecht, dessen Regelwerk allen Beteiligten einen Anlass oder Anreiz liefert, Aufgaben zu übernehmen und sich selbst zu verwalten. Ähnlich wie bei der Kryptowährung Bitcoin, die auch keine zentrale Institution wie eine Zentralbank braucht.
    "Es gibt keine einzelne juristische Person, die für Bitcoin verantwortlich gemacht werden könnte", sagt Shermin Voshmgir. "Alle Regeln für die Transaktionen sind im Code. Der Code ist transparent. Jeder, der einen Computer hat, kann den Code runterladen und am Netzwerk teilnehmen. Und es gibt verschiedene Akteure, die verschiedene Rollen haben und von den Spielregeln Anreize bekommen, die im Code sind."
    Man stelle sich ein Kasino vor, in dem die Spielmünzen von selbst merken, wer gewonnen hat, und dann von selbst über den Tisch zum Gewinner rollen. Kryptowährungen "sind programmierbares Geld", sagt Shermin Voshmgir.

    Länder ohne Minister, Unternehmen ohne Manager

    Den Vordenkern der Kryptoökonomie geht es aber natürlich nicht nur ums Digital-Geld. Sie behaupten, dass so ziemlich alles in unserer Gesellschaft auf dem Zusammenspiel von Regeln (Gesetzen) und Registern beruht und programmierbar sei: Ein Register halte beispielsweise fest, wer wahlberechtigt ist, und ein Gesetz bestimme, wie gewählt wird.
    "Register bestätigen Identität. Register bestätigen Status. Register bestätigen Autorität. In ihrer fundamentalsten Funktion kartografieren Register wirtschaftliche und soziale Beziehungen", pauken und trompeten es die Forscher eines Blockchain-Instituts in Melbourne in die Welt.
    Wenn sich gesellschaftliche Strukturen als "Register" und "Regeln" modellieren lassen, könne man sie auch als Blockkette darstellen und dann die Gesetze und Anreize im Code gestalten.
    Was Shermin Voshmgir sich herbeiwünscht oder wenigstens ausmalen kann, das sind Unternehmen ohne Manager, Länder ohne Minister. Mithin einen Staat ohne Obrigkeit?
    In ihrem Büro sagt Voshmgir: Die Blockchain sei "ein Betriebssystem für eine neue Art, wie sich Gesellschaft organisieren kann. Möglicherweise können wir viele Probleme, die wir heute haben, damit lösen".
    Das politische System verfüge über "ein schlechtes Anreizsystem – nämlich gar keines". Man werde dafür belohnt, den Leuten das Blaue vom Himmel zu versprechen, "und am Tag nach der Wahl kannst du deine Meinung ändern, siehe Boris Johnson". Politik, befindet sie, brauche "ein Update".
    "Seit zwei Jahren gehe ich in politischen Einrichtungen ein und aus, und ich war überrascht, dass von Anfang an alle offen waren", erzählt Voshmgir. "In der Politik, in der Verwaltung – kaum jemand sagt: Das ist doof, ihr wollt uns abschaffen. Die sind ja in die Politik gegangen, weil sie etwas verändern wollen. Und jetzt stecken sie in der Verwaltung fest. Und Blockchain ist ja eine Verwaltungsmaschine, eine Technik, die Verwaltungen schlanker machen kann."
    Auch der Vorschlag, einen Kryptoökonomie-Lehrstuhl an der Wiener Wirtschaftsuniversität einzurichten, kam aus der österreichischen Politik. Die Idee hatte der ehemalige ÖVP-Wirtschaftsminister Harald Mahrer. Es war eines seiner letzten und wichtigsten Projekte: Filetstück der "Agenda Blockchain Austria".
    30 Wissenschaftler arbeiten heute an ihrem Institut, gefördert mit 500.000 wissenschaftsministeriellen Euros.
    Nach dem Gespräch schlendern wir hinüber zur Veranstaltung mit dem reißerischen Titel "Blockchain and the Token Economy". Sie findet im Nachbargebäude statt, das die Superarchitektin Zaha Hadid (1950?–?2016) als geschrägten Stahl-Beton-Glas-Block gestaltet hat.
    Vor 17 Jahren hat Shermin Voshm-gir an der WU ihre Doktorarbeit geschrieben. "Ich bin ja ein seltsamer Vogel. Ich bin hier damals weggegangen, weil ich mich nicht nur auf ein Thema konzentrieren wollte. Mich hat auch Philosophie und Politik interessiert, ich wollte interdisziplinär arbeiten."

    "Academia ist nicht mein Endgame"

    Was sie denn in den vergangenen Jahren gemacht habe? Sie lacht: "Schatzi, ich kann dir jetzt nicht meine Biografie erzählen! Ich habe Filme gemacht, Sachen gegründet, zwischen damals und heute liegen vier Länder, zehn Jobs und ein paar Start-ups."
    Sie hat Filme über Kunst gedreht, ein Internet-Reisebüro gegründet, das sich auf Individualreisen entlang der einstigen Seidenstraße spezialisiert hatte.
    Irgendwann 2015, sagt sie, habe sie auf einer Party von der "Blockchain" gehört und in Berlin den Blockchain Hub gegründet, eine Institution, die weltweit und interdisziplinär die Entwicklung der Blockketten-Technik vorantreibt, und Anfang 2018 landete sie dann wieder an der WU.
    Im Foyer des benachbarten Zaha-Hadid-Klotzes herrscht dann Hochbetrieb: jeder Platz besetzt. Auf dem Podium ein bläulich-grünliches Kleid, ein roter Hut und drei Anzüge: ein Mann von Microsoft, ein Mann als Moderator und ein VWL-Professor. Zwei von ihnen tragen braune Schuhe, was sich zum braunen oder blauen Anzug eigentlich nur Mailänder erlauben können. Neben ihnen leuchtet Shermin Voshmgir.
    Der Microsoft-Mann glaubt daran, dass man mit der Blockkette die staatliche Verwaltung auf den Kopf stellen beziehungsweise verbessern könne (das glauben die Chinesen mit ihrem Punktesystem für "bessere Menschen" auch) und hat sich dafür schnell ein Geschäft ausgedacht: Nach einem kurzen Vortrag zeigt er einen Film, in dem lauter sehr nette, aber traurige Menschen aus aller Welt ein Problem miteinander teilen: Sie haben keinen Ausweis.
    Gott sei Dank hat Microsoft eine Lösung: Dokumente auf einer Microsoft-Blockkette. Im Video sind dann alle sehr glücklich darüber.
    Nach der Diskussion kommen ein paar gesetztere Herren im Sakko zum Podium, um mit dem Mann von Microsoft und mit Professor Schäfer über Geldtheorie zu schwatzen. Shermin Voshmgir wird von 20 Studenten umringt.
    Ein junger Mann im roten T-Shirt will wissen, wie er bei seinen eigenen Blockketten-Experimenten die Anreize programmiert. Voshmgir erklärt und erklärt, sie verweist auf ihre Blog-Beiträge, auf ihre Veranstaltungen "WU Matters" oder "Crypto Monday".
    Als sich die Studententraube vor der Bühne langsam auflöst, kann ich sie überreden, sich für uns im Prater fotografieren zu lassen. Ein paar angetrunkene Touristen stehen am Eingang und hauen auf einen Kirmes-Boxautomaten ein.
    Die Geisterbahn mit dem riesigen 80er-Jahre-Werwolf und dem Teufel an der Fassade sehe noch genauso aus wie früher. Als Kind, erzählt sie, sei sie fast jedes Wochenende hier gewesen.
    Als wir an einem schreienden Achterbahn-Zug vorbeikommen, hake ich noch mal nach, warum sie dieses neue "Betriebssystem für die Gesellschaft" gerade von einem Kryptoökonomie-Lehrstuhl aus bauen möchte.
    "Academia ist nicht mein Endgame. Ich glaube, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Wir können den Diskurs smart und intelligent oder wir können ihn eindimensional prägen", sagt sie. "Und Krypto Economics ist der coolste Begriff ever. Hätten wir es Crypto Governance genannt, was im Zusammenhang mit Blockchain auch Sinn hat, hätten uns nicht so viele Menschen zugehört. Wir leben halt im Kapitalismus."

  • #2
    Interessanter Artikel! Wissen Sie, vor nicht allzu langer Zeit fing ich an, mich für Glücksspiele zu interessieren und wollte einen guten Ort finden, wo ich sie spielen konnte!

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    • #3
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      Zuletzt geändert von TomasDavis; 22.11.2021, 13:30.

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