Interview Swissquote-CFO: "Planen eine lange Serie von ICOs"

Zürich (awp) -- Die Online-Bank Swissquote will ihre Vorreiterrolle im Kryptowährungssektor festigen und bietet neu sogenannte Initial Coin Offerings (ICOs) an. Das erste ICO eines Herstellers von künstlichen Diamanten, LakeDiamonds, soll dabei laut dem Finanzchef von Swissquote, Michael Ploog, nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe der neuen Finanzierungsformen bilden, wie er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP sagte.
Interview: Simon Stahl

AWP: Über ICOs sollen Kunden in Unternehmen investieren können, die basierend auf einer Blockchain sogenannte Token herausgeben. Wie genau funktioniert diese Form der Kapitalbeschaffung?

Michael Ploog: Seit letzter Woche können Swissquote-Kunden Tokens des Kunstdiamantenherstellers LakeDiamond kaufen, ein High-Tech Startup, das im Labor hochreine Diamanten für industrielle Anwendungen herstellt. Um an einem ICO teilzunehmen, mussten Interessenten bisher über ein sogenanntes elektronisches "Wallet" und Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether verfügen. Unser Angebot erlaubt es nun ICO-Tokens per Swissquote-Konto in Franken zu kaufen. Wir als Bank kümmern uns dann um die Aufbewahrung der Tokens.

AWP: Nun sind Krypto-Enthusiasten eben gerade angetreten, um Banken als herkömmliche Finanzintermediäre los zu werden. Wie passt dieser Widerspruch zusammen?

MP: Uns geht es grundsätzlich darum, neueste Technologie dafür zu nutzen, Finanz-Dienstleistungen zu vereinfachen und für jeden zugänglich zu machen. Wir wissen nicht, wie die Finanzindustrie in 10 Jahren aussehen wird, aber im Moment ist es so, dass sich dank Blockchain auch für die breite Öffentlichkeit neue Möglichkeiten bieten. Die wollen wir unseren Kunden eröffnen, so einfach und sicher wie möglich. Das ist der Mehrwert, den sie von uns bekommen. Als Nutzer muss man nicht unbedingt Experte in Blockchain, Smart Contracts oder Tokenisierung sein.

AWP: Ihre Bank hat ja selbst keine Kryptowährungen in der Bilanz. Wie funktioniert da der Tausch von Schweizer Franken in Kryptowährungen wie Ether und dann schliesslich in den entsprechenden Token?

MP: Der Prozess zum Tausch von Kryptowährungen in FIAT-Währungen wie den Franken ist unabhängig von unserem neuen ICO-Service und besteht schon seit über einem Jahr, sprich, seit wir den Handel mit Kryptowährungen über unsere Plattform anbieten. Das ist bereits eingespielt.

AWP: Durch die Ausgabe der "LakeDiamond-Tokens" (LKD), die auf der Ethereum-Blockchain basieren, will sich das Unternehmen insgesamt 60 Millionen Franken beschaffen. Soll dieses Volumen alleine durch Swissquote-Retailkunden gestemmt werden?

MP: Nein, in der Vorverkaufsphase haben Swissquote-Kunden exklusiven Zugang und bekommen einen Bonus von 10 Prozent. Nach der Vorverkaufsphase ist es ein öffentlicher ICO. Allerdings sind die Tokens dann in der Kryptowährung Ether zu bezahlen.

AWP: Mit den LKD-Token kaufen sich Interessenten eine gewisse Maschinenlaufzeit zur Herstellung von Kunstdiamanten, wobei ein LKD einer Minute entspricht. Der Swissquote-Kunde kauft sich also ein "Produktionsrecht"?

MP: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Indem jemand am ICO von LakeDiamond teilnimmt, ermöglicht er oder sie LakeDiamond, ihre Produktionskapazitäten in Form von Reaktoren zu vergrössern. Wenn dann das Unternehmen in Zukunft Aufträge von Kunden bekommt, ermöglicht LakeDiamond der Person, die am ICO teilgenommen hat, an den Umsätzen teilzuhaben. Aus praktischen Gründen wird das in Minuten ausgedrückt.

AWP: Laut der im Februar publizierten Wegleitung der Finma zu ICOs, gibt es "Nutzungs-Münzen" (Utility Token), "Zahlungs-Münzen" (Payment Token), die mit Kryptowährungen wie Bitcoin gleichzusetzen sind und Security Tokens, die laut Finma als Effekten oder Anlagen gelten. In welche Kategorie fällt der LKD-Token?

MP: LakeDiamond ist dem Prozess gefolgt, wie er von der Finma in der Wegleitung zu ICOs vorgeschrieben ist. Die Finma hat die LKD-Tokens als Payment Tokens eingestuft.

AWP: Die Herausgabe von Security-Token - vor allem in "Aktien-ähnlicher" Form - bleibt regulatorisch umstritten und Experten sprechen noch von grossen Hürden in Bezug auf Stimmrechte und möglichen Dividenden. Auf welche Art von Token will sich Swissquote spezialisieren?

MP: Die Klassifizierung der Token wird durch die Finma vorgenommen. Wir gehen davon aus, dass die meisten ICO-Token als Payment- oder Utility-Token ausgegeben werden. Wir können aber mit jeder Legal Entity zusammenarbeiten, solange die regulatorischen Anforderungen gemäss der "Wegleitung für Unterstellungsanfragen betreffend ICOs" der Finma erfüllt sind.

AWP: Plant Swissquote in diesem oder im nächsten Jahr noch weitere ICOs?

MP: Wir sind täglich in Kontakt mit weiteren interessierten Firmen. Unsere Pipeline befindet sich aber noch im Aufbau. Wir könnten dieses Jahr noch einen weiteren ICO anbieten, aber da es jeweils mehrerer Monate Vorbereitung bedarf, und wir uns bis jetzt auf unseren ersten ICO von LakeDiamond konzentriert haben, ist es wahrscheinlicher, dass die nächsten ICOs erst im nächsten Jahr stattfinden werden. LakeDiamond soll den Auftakt einer langen Serie bilden.