Jelzins Retter wider Willen
Heftiger Kampf um Nachfolge von Alexander Lebed

MDZ 10-05-2002
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Valerij Alexandrow

Die Biografie des am 20. April verunglückten Gouverneurs der Region Krasnojarsk, Alexander Lebed, liest sich wie eine Beschreibung der jüngsten russischen Vergangenheit. Derweil ist um die Nachfolge des Politikers in Sibirien ein heftiger Kampf entbrannt.

Anfang der 80er Jahre kämpfte Alexander Lebed in Afghanistan, am Ende der Perestrojka führte er seine Truppen nach Tbilissi und Baku. Im August 1991 befahl der stellvertretende Befehlshaber der Luftlandetruppen den Einmarsch der Tulaer Fallschirmjäger-Division nach Moskau – „zum Schutz und zur Verteidigung“ des Weißen Hauses. Das Regierungsgebäude war damals Mittelpunkt der Konfrontation zwischen Boris Jelzin und der GKTschP (der Staatlichen Kommission für den Ausnahmezustand).
Lebed war völlig unklar, wen er verteidigen sollte – die russische Führung oder die Führung der Sowjetunion. Jelzin verkündete auf dem Meeting, Lebed sei auf die Seite des „aufständischen Volkes“, also auf seine Seite übergetreten. Doch der General sagte später, hätte er den Befehl bekommen, das Weiße Haus einzunehmen, so hätte er diese Order ausgeführt. Das Kommando blieb aus, und Lebed war klar, dass er die Panzer abziehen musste.
Jelzin, dessen Schicksal sich in jenen Tagen auch in Lebeds Händen befunden hatte, dankte seinem unfreiwilligen Retter nie. Er schien diesen General, der sich nicht lieb Kind machen konnte und wollte, sogar zu fürchten. So nutzte Russlands Präsident die erstbeste Gelegenheit, um ihn aus Moskau loszuwerden. Im Juni 1992 wird Lebed zum Befehlshaber der 14. Armee ernannt, die im Gebiet Transdnestrien stationiert war. In dieser Eigenschaft wurde er landesweit bekannt. Der General ergriff strenge militärische Maßnahmen und hatte so den moldawisch-transdnestrischen Konflikt beendet.
Nun versuchte die Jelzin-Opposition, die Popularität des Generals für sich zu gewinnen. Doch im Herbst 1993, als es zu einer offenen Konfrontation zwischen Jelzin und dem Obersten Sowjet der Russischen Föderation gekommen war, lehnte Lebed das Angebot von Vizepräsident Alexander Ruzkoj ab, den Posten des Verteidigungsministers zu übernehmen. Ruzkoj war nach dem Willen des Parlaments statt des formell gestürzten Jelzins „Kalif für eine Stunde“ geworden. Zugleich weigerte sich Lebed, in einem Appell an die Öffentlichkeit Jelzin zu unterstützen – wusste er doch um die Verfassungswidrigkeit von Jelzins Aktionen. Der Kremlchef hatte ihm das ebenso nie vergessen wie die Kritik des widerspenstigen Generals am Einmarsch russischer Truppen in Tschetschenien im Dezember 1994, den Lebed eine „Torheit und Dummheit“ nannte.
Ein halbes Jahr später unterzeichnete Jelzin den Erlass über die vorzeitige Entlassung Lebeds in den Ruhestand. Für den in Ungnade gefallenen General öffnete sich damit der Weg in die Politik. Im Dezember 1995 wurde er Abgeordneter der Staatsduma. 1996 nahm er als Kandidat an den Präsidentschaftswahlen teil. Im ersten Wahlgang im Juni 1996 belegte Lebed mit knapp 15 Prozent der Stimmen Platz 3. Etwa elf Millionen Bürger hatten damals für Lebed votiert. Im zweiten Wahlgang stand die Entscheidung zwischen Jelzin und Sjuganow an. Hätte Lebed die Stimmen seiner Wähler dem Kommunisten Sjuganow gegeben, so hätte es einen Führungswechsel in Russland gegeben. Doch Lebed nahm Jelzins Angebot an, Sekretär des Sicherheitsrates Russlands zu werden, und appellierte an seine Wähler, im zweiten Wahlgang den amtierenden Kremlchef zu unterstützen.
Wieder rettete Lebed den Präsidenten vor einer unvermeidlichen Niederlage. Dessen „Dankbarkeit“ ließ nicht lange auf sich warten. Es waren kaum vier Monate vergangen, als Jelzin den neuen Sekretär des Sicherheitsrates wieder entließ. „Mohr“ Lebed hatte seine Schuldigkeit getan, indem er Jelzin den Wahlsieg gewährleistete und die Verantwortung für die Vereinbarung von Chassawjurt übernommen hatte. Die Beendigung des Tschetschenien-Krieges auf diese Weise war im Volk sehr unpopulär und wurde als Kapitulation vor den Rebellen gewertet. Nun durfte der „Mohr“ gehen.
Da es für eine Revanche bei den nächsten Präsidentenwahlen noch zu früh war, wurde Lebed im Mai 1998 Gouverneur der Region Krasnojarsk. Und als 2000 schließlich die Wahlen anstanden, hatte sich das Land längst verändert. Jelzin hatte seine Vollmachten an Wladimir Putin abgetreten, der in der Bevölkerung so beliebt war, dass Lebed einen Wahlkampf gegen ihn für nutzlos hielt. Er hatte in seiner sibirischen Region genug Kämpfe auszufechten – gegen die Korruption und gegen die einheimische Oligarchie, gegen den Chef des Krasnojarsker Aluminiumwerkes Anatolij Bykow. Doch diesen Kampf hat Lebed gewonnen: Bykow verlor die Kontrolle über viele Betriebe der Region und wurde sogar festgenommen.
Aber Lebed konnte seine Ziele nicht mehr verwirklichen, mit 52 Jahren kam er bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Seine Feinde werden erleichtert aufatmen. Denn der General hatte der Geschäftswelt den Zugang zu Politik und Verwaltung der Region weitgehend versperrt. Nun bieten sich den Unternehmen Möglichkeiten, den Schlagbaum zu heben.
Um den frei gewordenen Posten des Oberhauptes dieser reichen sibirischen Region, in der die landesweit größte Produktion von Bunt- und Edelmetallen, ein Fünftel der nationalen Holzreichtümer sowie ein enormes wissenschaftlich-technisches Potential konzentriert sind, ist bereits ein harter Kampf entbrannt. Er wird wohl zwischen dem regionalen Parlamentschef, Alexander Uss, dem Krasnojarsker Bürgermeister Pjotr Pimaschkow und dem Oberhaupt des Autonomen Kreises Taimyr, Alexander Chloponin, entschieden. Hinter Chloponin stehen Industriegiganten wie „Norilskij Nickel“. Alexander Uss leitet den politischen Block „Naschi“ („Unsere“), der unlängst bei den Regionalwahlen dominierte. Uss ist zudem ein Zentrist, der vom Block „Einheit – Ganz Russland“ unterstützt wird. Pimaschkow dagegen ist in Krasnojarsk sehr populär. Bei den letzten Bürgermeisterwahlen unterstützten ihn 80 Prozent der Bewohner.
Nicht vergessen sollte man Nikolaj Aschlapow, den ersten Stellvertreter Alexander Lebeds, der jetzt die Pflichten des Gouverneurs ausübt. Der Politiker besitzt enge Beziehungen zu „Rusal“ („Russisches Aluminium“). Und auch wenn er sich bisher noch nicht zu einer Kandidatur bekannt hat, darf er nicht unbeachtet bleiben. Sollte er antreten, werden die Gouverneurswahlen zu einer Schlacht zwischen den drei russischen Großunternehmen „Rusal“, „Norilskij Nickel“ und der MDM-Gruppe.