Das Gerede um die "Ich-AG" ist in aller Munde. Wirtschaftliche Selbständigkeit das Gebot der Stunde. Anpacken und nicht jammern führt aus der Krise, so heißt es in vielen schönen Sonntagsreden. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Aus dieser Wirklichkeit möchte ich heute ein kleines Stückchen präsentieren.

Im Jahr 1998 habe ich eine GmbH gegründet, als Vorsorgemaßnahme für etwaige Beratungsmandate, um das Haftungsrisiko zu minimieren. Glücklicherweise habe ich die GmbH nicht gebraucht, trotzdem existiert sie geschäftslos weiter. Das ist insofern interessant, denn so sehe ich nun jedes Jahr, was mir alles erspart geblieben ist. Ich kann gleichsam "am lebenden Objekt" lernen – und muss trotzdem nicht im Regen stehen.

So beobachte ich still, dass nicht nur die IHK bereits den Gerichtsvollzieher geschickt hat, weil sie für die wirtschaftliche Förderung meiner geschäftslosen GmbH jährlich Beiträge verlangt, ich muss auch einmal im Jahr drei verschiedene Steuererklärungen abgeben, was jedes Mal insofern sehr spaßig ist (in meinem Fall!), weil ich jeweils überall nur Nullen in die Formulare eintragen kann.

Heute bekam ich wieder den dicken jährlichen Brief vom Finanzamt - und möchte an dieser Stelle einmal nichts anderes tun, als aufzulisten, was der Nikolaus dieses Jahr so alles gebracht hat. Und hinterher möge bitte jeder selbst entscheiden, ob er den Mut und das Geld dafür hat, sich in diesem Lande selbständig zu machen:

Also: Finanzamts Nikolaus hat Folgendes gebracht:

(1) Bescheid für 2001 über Körperschaftsteuer und Solidaritätszuschlag

(2) Bescheid für 2001 über Umsatzsteuer

(3) Bescheid auf den 31.12.2001 über die gesonderte Feststellung des verbleibenden Verlustvortrags zur Körperschaftsteuer

(4) Bescheid für 2001 über den Gewerbesteuermessbetrag und die Gewerbesteuer

(5) Bescheid über die gesonderte Feststellung des vortragsfähigen Gewerbeverlustes auf den 31.12.2001

(6) Bescheid über die gesonderte Feststellung der Endbestände gem. § 36 Abs. 7 KStG und Bescheid zum 31.12.2001 über die gesonderte Feststellung der Besteuerungsgrundlagen gem. § 27 Abs. 2, § 28 Abs. 1 Satz 3 und § 38 Abs. 1 KStG

Glücklicherweise sind die Bescheide alle schon gelocht, so dass ich sie sofort zu denen des Jahre 2000, 1999 und 1998 hinzuheften kann. Und während des Abheftens mache ich jeweils drei Kreuze, dass ich bei meiner freiberuflichen Tätigkeit mit der Pflicht zur Einkommensteuererklärung und vierteljährlichen MWST-Veranlagung eigentlich ganz gut davon gekommen – und vor allen Dingen der Heiligen Inquisition der IHK entronnen bin.

Unendlich leid tun mir jedoch die Menschen, die diesen Knüppelweg durch den Steuerdschungel gehen und sich dafür auch noch, wie in Berlin, der IHK ihre Luxusbauten und Funktionärsriege finanzieren müssen. Wenn man mich fragen würde, wie man ein Land ganz sicher ruinieren kann, ich würde exakt den Weg vorschlagen, den wir alle gemeinsam eingeschlagen haben.


Bernd Niquet, im November 2002
E-Mail: berndniquet@t-online.de

Nicht nur das Finanzamt lässt einen an der Zukunft zweifeln. Wir alle fahren derzeit einen Kamikaze-Kurs. Lesen Sie dazu die folgende BUCHNEUERSCHEINUNG: Bernd Niquet, Das Orwell-Haus. Aus dem Innenleben der Erbengeneration, Allitera Verlag, München 2002, 122 Seiten, 11 Euro, ISBN 3-935877-67-6.