Die Energieexperten, so berichtet das Handelsblatt am 9. 2. 02, sind sich darüber einig, dass das Erdgas die Wachstumsenergie schlechthin ist: Der europäische Gasverbrauch soll in den nächsten 15 Jahren um 44% wachsen, bis 2010 eine jährliche Wachstumsrate von 2,9%; in West- und Osteuropa (ohne Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) soll der Primäenergieverbrauch um jährlich 1%/Jahr wachsen, der Anteil des Erdgases am Primärenergieverbrauch Kerneuropas soll von 23% in 2000 auf 28% in 2010 wachsen.

Die EU-Kommission mahnt nun zu einer stärkeren Diversifizierung der Gasbezugsquellen:
Neben den klassischen Lieferländern Rußland und Norwegen sollen künftig vermehrt auch Angebote aus Nordafrika, Nigeria oder der Golf-Region erschlossen werden. Die Vorlaufinvestitionen dazu sind allerdings beträchtlich und sollen offenbar ganz von den großen Energieunternehmen gestemmt werden: BP und Royal Dutch/Shell planen bereits ein forciertes Gasengagement, das in bereits 10 - 15 Jahren dem Erdöl als Primus im jeweiligen Unternehmensportfolio den Rang ablaufen soll. Royal Dutch/Shell investierte in 2001 um 38% mehr (insgesamt ca. 12 Mrd. Euro) als in 2000., vor allem in Projekte zur Förderung und Produktion. Bis 2004 will der Ölmulti jährlich 12 Mrd. Euro in den Ausbau seiner Konzernaktivitäten stecken, im Anschluß soll sich der Betrag um jährlich 5 % erhöhen. Royal Dutch/Shell ist praktisch schuldenfrei und verfügt in seiner Kasse über rund 20 Mrd. Euro, kein Wunder selbst nach dem Gewinnrückgang in 2001, als das Unternehmen immerhin noch satte 7,5 Mrd. Euro nach Steuern verdiente, nach 8,4 Mrd Euro in 2000. BP konnte 2001 einen üppigen Milliardengewinn ausweisen, allerdings wird der Gewinn im 4. Quartal nach Analystenmeinung über 40% niedriger sein als im Schlussquartal 2000. Bei der neuen BP-Unternehmensnachricht am Faschingsdienstag wird für 2002 mit im Vergleich zu 2001 vergleichsweise schlechteren Aussichten gerechnet.

Die Anteile am europäischen Gasbeschaffungsmarkt der einzelnen Energiefirmen werden dabei vermutlich in Bewegung kommen: derzeit liegen die Gewichte nach Schätzungen so:
BP-Gruppe: 19%
Gasunie (Niederlande): 19%
Snam (Tochter des ital. Öl- u. Gasunternehmens Eni): 16%
Ruhrgas: 13%
Gaz de France: 12%
(Gazprom: ?
Statoil (Norwegen): ?)

Die großen Akteure bereiten sich schon heute auf vollständig lieberalisierte Gasmärkte in Europa vor; es geht darum, finanzielle Potenz und unternehmerische Größe zu stärken: Eon plant die Übernahme von Ruhrgas, RWE prüft nach dem Kauf der tschechischen Transgas nun Kooperationen mit Österreichs OMV und der BASF-Tochter Wintershall. Totalfina Elf ist an einer Allianz mit Gaz de France interessiert. In Rußland gibt es gemäß Handelsblatt bereits Bestrebungen, nach dem Vorbild der OPEC ein Lieferkartell zu bilden.

Die großen Player streben dabei nach Vollintegration der ganzen Wertschöpfungskette: Präsenz von der Produktion bis zur Endverteilung, nur so ließen sich die Risiken ausbalancieren. Die Konsequenz: Je mehr nationale Gasgrenzen verschwinden und diskriminierungsfreie Zugänge zu den Leitungsnetzen ermöglicht werden, um so härter wird der Wettbewerb. Wenn die internationalen Ölgesellschaften ihre Präsenz im Gasgeschäft erhöhen, werde Europas Gasbeschaffungsmarkt zu einem weiten Oligopol.

Es bestätigt sich nach diesen Zahlen immer mehr, dass die russischen Gaslieferfirmen für Europa eine ähnlich hohe Bedeutung aufweisen wie die russischen Öllieferfirmen für die USA (wobei diese Unterscheidung eher theoretisch ist, da viele russische Energiefirmen sowohl Öl wie Gas anbieten).

Mit Aktien beider Unternehmensschwerpunkte kann in Rußland demnach offenbar gutes Geld verdient werden: Der jeweilige Unternehmenswert als Summe der technischen und unternehmerischen Infrastruktur sowie die Bewertung der diesen Unternehmen gehörenden unterirdischen Kohlenwasserstoffreserven werden steigen. Dieser Effekt wird meiner Meinung nach eintreten bei Öl- und Gaspreisen innerhalb einer Schwankungsbreite auf vergleichsweise niedrigem Niveau - bedingt durch Konkurrenzeffekte auf Ebene OPEC-Rußland wie auch unter den großen Multies -, das den großen Playern aber immer noch genügend Cash in die Kassen spülen wird, um diese ganzen Investitionen und Übernahmen zu stemmen. Der oben beschriebene harte Wettbewerb unter den Großen und den nicht ganz so großen dürfte in dieser Phase der Ausdünnung der Anzahl verbleibender „ganzheitlicher Systeminhaber“ noch eine ganze Weile für niedrige Gaspreise sorgen. Erst viel später erwarte ich einen Preisanstieg durch das Ausspielen von Marktmacht.

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf meine Beiträge zu dem Thema „Kursziel Lukoil“ im Rußland-Forum; unter dem gleichen Thema hat Walter bereits eine eindrückliche Einschätzung (von sicherlich mehreren in der letzten Zeit, die will ich mir auch einmal anschauen) zu Gazprom abgegeben.

Ich persönlich halte demzufolge die alte Analysten-Aussage „Rußland ist eine Wette auf den Ölpreis“ für mehr oder weniger überholt. Sollten die Energiepreise dennoch steigen (weltweiter Konjunkturaufschwung), können wir uns alle noch mehr freuen und profitieren zusätzlich.

Das mit dem viel-prognostizierten weltweiten Konjunkturaufschwung im 2. Halbjahr 2002 ist ja ohnehin noch so eine Sache. Die Börse antizipiert doch so um die 6 Monate im voraus. Wenn er denn wirklich im 2. Halbjahr 2002 kommen sollte, sollten wir dessen Kurseffekte trotz der bereits beobachteten Kursanstiege Ende 2001/Januar 02 in den USA und Europa jetzt bald zu sehen bekommen, wollen diese Heerscharen von Analysten, die diese „Aufschwungs-Botschaft“ ja immer wieder und wieder schon seit über einem Jahr mit dem immer gleichen Brustton der Überzeugung in die Kameras aufsagen und mit vielerlei Indikatoren und Anzeichen begründen (und im Prinzip dabei immer nur den Termin noch weiter nach hinten verschieben), sich nicht wieder einmal höllisch blamieren. Denn anstatt nach oben marschiert der S%P 500 ganz ordentlich nach unten. Ob den jetzt erwarteten Kursaufschwung nur die Enronitis verhindert hat? Da habe ich so meine Zweifel. Gemäß Torsten Riecke (Artikel im Handelsblatt) kann Bush seine riesigen Ausgabenpläne (über 2000 Mrd. $ im Haushaltsentwurf für 2003) nur finanzieren, wenn er die Sozialkassen plündert, kräftig Schulden macht und damit den US-Haushalt für mindestens 3 Jahre in die roten Zahlen bringt. Mit seinen historisch einmalig hohen Steuererleichterungen bläst Bush zwar kurzfristig viel Cash in die Wirtschaft, hat dafür aber einen strukturellen Knackpunkt im US-Staatsbudget geschaffen. Nur bei starkem Wachstum wird diese Rechnung des deficit spending aufgehen, das Risiko ist beträchtlich. Bei wachsenden Defiziten steigen zudem in der Regel auch die langfristigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt, was Gift wäre für die Konjunktur (und die Börsenkurse), deren Aufschwung Bush nach seiner eigenen Rechnung dann besonders dringend braucht. Ein deficit spending der US-Regierung in dieser Größenordnung bei gleichzeitig ausbleibender oder nur zögerlicher Konjunkturerholung kann wohl nur über wenige Jahre praktikabel finanziert werden, dann müßten die Steuern erhöht werden, wieder Gift für die Konjunktur und die Kurse. Polarisierend gesprochen: Entweder, die Rechnung ist dann aufgegangen, oder Bush wäre politisch am Ende wie seinerzeit Ronald Reagan. Wo bei einem solchen Scheitern dann die Aktienkurse stehen würden, mag ich mir gar nicht ausmahlen. Eine langfristige Anlage in den russischen Energiefirmen erscheint mir demgegenüber und angesichts der oben beschriebenen Entwicklung im Energiemarkt derzeit zumindest nicht riskanter zu sein als ein Engagement in den USA. Habe daher meinen ohnehin niedrigen Nordamerika-Anteil im Depot mittlerweile noch einmal halbiert und plane das Geld umzuschichten in den HPM Invest SICAV - Timing Global Plus (WKN 764933), einem Fonds, der auch bei fallenden Aktienkursen Gewinn machen kann und einen weltweiten Anlageschwerpunkt (inkl. max. 20% Schwellenländer, was Rußland ausdrücklich einschließt) besitzt, aber schwerpunktmäßig in den USA und BRD engagiert ist; wollte halt die Osteuropa-Region im Depot nicht zu stark übergewichten. Wer mehr über derartige ‘Alternativen’ wissen will, lese meinen letzten Beitrag im US-Börsenforum (betr. S&P 500). Wer weiß, evtl. stoße ich die verbleibende USA-Hälfte auch noch ab, wenn meine Verärgerung über diese Analysten groß genug geworden ist (für 2001 hatten manche Vertreter dieser Spezies ja immerhin die %-Änderung in USA u. Europa richtig geschätzt, sich leider nur beim Vorzeichen geirrt). Nur wohin dann mit dem Geld?

Stichwort Timing bei der Privatisierung russischer Energiefirmen: Die staatlichen Aktienpakete an den beiden Ölfirmen Slawneft und Lukoil im Wert von zusammen ca. 1,1 Mrd. Euro (= 85% des insgesamt auf 1,3 Mrd. Euro geschätzten Privatisierungspaketes von Anteilen an in Summe 426 Firmen) sollen ja in 2002 verkauft werden. (Ein großer Teil der übrigen 15% dieses Paketes sollen allerdings kaum verkaufbar sein). Lukoil dürfte demnach am Paket etwa 0,7 Mrd. Euro, Slawneft ca. 0,4 Mrd. Euro ausmachen. Eine genaue Liste der zu verkaufenden Unternehmen segnet das Kabinet am 20. Januar ab. Die Privatisierung ist in der Duma allerdings nicht unumschritten. Nachdem kürzlich ein US-Fond ein in etwa ähnlich großes Aktienpaket an Lukoil aufkaufte, ohne dass der Kurs im Vergleich gleich durch die Decke ging, dürfte hier doch wohl ein dramatischer Kurseinbruch auch nicht zu befürchten sein; oder was meint ihr?

Noch einmal zum Timing-Aspekt ähnlicher Privatisierungen in Osteuropa: Unter den EU-Beitrittskandidaten drückt zumindest auch Bulgarien ‘aufs Gas’ hinsichtlich Privatisierung im Energiesektor: jetzt sollen 22 Wasserkraftwerke privatisiert werden. RWE und Rheinbraun überlegen, ob sie in die bulgarische Kohleförderung im Braunkohlenrevier Mariza und in die dortige Stromgewinnung einsteigen sollen. Eine ganze Reihe anderer Projekte in der Elektrizitätswirtschaft sollen noch auf den Tisch kommen.

Welche Überlegungen sind also für den Anleger nun wirklich wichtig?

Der primäre Motor hinter den Kursanstiegen ist doch das enorme Gefälle bei den spezifischen Preisen zwischen den Rohstofflagerstätten und dem Weltmarkt: ein Barrel Ölreserve im Boden in Rußland kostet grob 0,6 - 1 $, wenn dieser Barrel auf dem Weltmarkt angekommen ist, kostet er so um die 19-20 $/Barrel. Beim Gas kenne ich die Zahlen nicht, vermute aber ähnliche Verhältnisse. Da Technik und Dienstleistung der Förderung und Verteilung wohl kaum annähernd diesen Differenzbetrag begründen, wird hier doch enorm viel Profit gemacht! Die Frage ist also: in wessen Taschen fließt dieses viele Geld? Wie heißen die Gewinner, deren Aktien der Kleinanleger kaufen sollte, um an diesem Geldsegen wenigstens ein ganz wenig teilzuhaben? Grob gesprochen gibt es nur diese zwei Möglichkeiten:
1. Die Multis, deren Systemwert Dank erfolgreichem Ausbau der eigenen Stellung im Oligopol bedingt durch guten Systemausbau durch Anzapfen billiger Lieferquellen im Zuge der Privatisierungen im osteuropäischen Energiesektor steigt.
2. Die z. Z. enorm unterbewerteten privatisierten Zulieferfirmen im Osten (z. B. Lukoil), deren Unternehmenswert aus den oben genannten Gründen steigen wird, erkennbar vor allem an der steigenden finanziellen Bewertung ihrer Kohlenwasserstoffreserven.

Die „Ost-These“ hierzu lautet, dass wir zwei Phasen sehen werden:
In der unmittelbar anstehenden Zeit geht die Goldgräberstimmung betr. der Zulieferfirmen im Osten noch eine ganze Weile lang weiter. Das wird aber irgendwann einmal abflauen, die Kurse werden nicht mehr explodieren wie in 2001, sondern sie werden sich zunehmend „normal verhalten“.
Im Anschluß daran wird der Aktienkurs der großen Player wohl besser laufen, da diese dann die mit der Beherrschung der ganzen Wertschöpfungskette einhergehende Marktmacht auspielen und dann höllisch gut verdienen werden, also auch sehr gute Dividenden zahlen dürften. Walter ließ in einem Beitrag zu „Kursziel Lukoil“ im Rußland-Forum so einen Gedanken (bezogen auf Gazprom) bereits anklingen.

Eine Gegenthese („West-These“) könnte so lauten:
Die Goldgräberstimmung im Osten wird nach den gewaltigen Kursgewinnen schon recht bald ihr Ende erreichen. Der Anleger macht jetzt - u. a. Enronitis-bedingt - einen Fehler, wenn er den großen klassischen Westfirmen im Energiebereich gerade jetzt den Rücken kehrt, wenn - bedingt durch den Aufkauf des Westens an diesen „Ostfirmen“ - die Profite jetzt sehr bald bei den großen Multis auflaufen werden. Diese noch einmal Enronitis-bedingt gefallenen Kurse der großen Ölmultis sind gerade jetzt sehr gute Kaufkurse!

Ihr seht, es gibt - wie immer an der Börse - auch hier zwei Meinungen. In was investiert ihr denn? Wie schätzt ihr das Timing Eurer Aktienanlage im Energiebereich ein?

Da wir die Börsenzukunft ja alle - Hand aufs Herz - nicht so genau kennen, hier ein Vorschlag: Vielleicht reicht es nach diesen prinzipiellen Überlegungen (und hoffentlich nach einigen Beiträgen aus dem Forum hierzu) zunächst einmal, sich ganz einfach eine separate Watchlist der großen Player der USA und Europas, der russischen Zuliefererfirmen, sonstiger größerer osteuropäischer ‘Partnerfirmen’ im Energiebereich (sowie geeigneter Energiefonds, die russische Titel einschließen ?) anzulegen und dann von Zeit zu Zeit einen einfachen Blick auf die Veränderungen der Kurs-Charts zu werfen. Vielleicht habt ihr ja Lust, eure Vorschläge für eine solche WKN-Liste als Beitrag hier anzuhängen, dann brauchen die interessierten Leute das nicht jeder für sich allein zu machen (wozu haben wir dieses Forum schließlich?).

Wißt Ihr etwas über dieses laut Handelsblatt in der Vorbereitung befindliche russische Lieferkartell („OPEC 2“) ?

Zum Schluß noch ein Hinweis: ich werde diesen Beitrag wegen seines etwas übergreifenden Charakters in den anderen Foren hier einbringen (ausnahmsweise!), bitte jedoch alle Leute, die Antworten speziell zu diesem Beitrag schreiben wollen, dies nur unter dem identischen Beitrag im Rußland-Forum zu tun, damit hier nicht ein unnötiges Nebeneinander entsteht.