Nimmt man es statistisch genau, so müsste der Boden „im Kasten“ sein (folgender Chart). In US-Wahljahren pflegt der Dow Jones Index im Mai/Juni einen Boden auszubilden, wenn man den Durchschnittsverlauf zugrunde legt.



Ein anderer Börsenbriefautor meinte neulich, dass er saisonalen Mustern keine oder nur eine geringe Bedeutung zumesse. Sein Statistikprofessor habe gesagt, dass eine Grundgesamtheit von mindestens 30 Ereignissen vorhanden sein müsse, um daraus Wahrscheinlichkeiten ableiten zu können. Dem ist zuzustimmen. Da uns für die US-Börse seit dem Jahr 1800 Daten vorliegen, können wir diese Anforderung häufig erfüllen.

Für die Einzelverläufe von US-Wahljahren greifen wir auf mittlerweile 29 vorliegende Ereignisse zurück. Wir zeigen auf dem folgenden Chart alle Wahljahresverläufe nach dem 2. Weltkrieg (17 Ereignisse). So ist eine optische Beurteilung der Verläufe möglich.



Üblicherweise verläuft der Dow in US-Wahljahren relativ flach. Er endet in einer Zone von -10 bis +20 Prozent. In dieser Zone befindet sich auch das aktuelle Jahr 2012 (dicke rote Linie obiger Chart). Dem Jahr 2008 (siehe Pfeil obiger Chart) muss das Prädikat „Ausreißerjahr“ verliehen werden.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das „Schwarzer-Schwan-Ereignis“ des Jahres 2008 wiederholt? Berücksichtigt man den Jahresendstand sämtlicher Wahljahre seit 1900, so fallen zwei weitere Negativereignisse auf. Das eine fand im Jahr 1920, das andere auf dem Höhepunkt der großen Depression im Jahr 1932 statt. Beide Ereignisse wurden von einer starken Deflation begleitet. Im Jahr 1932 drehte der Aktienmarkt ab Anfang Juli nach oben, das Tief war praktisch Ende Mai im Kasten (folgender Chart).


Obwohl sich das Jahr 2012 medial fast wie das Jahr 1932 anfühlt, verbietet sich bei einem Jahresplus im DAX von 8,5% und im S&P 500 von 5,9% ein solcher Vergleich.

Ein vergleichbares Gefühl dürfte allerdings in Spanien aufkommen. Die spanische Börse wird fluchtartig verlassen: Der spanische Leitindex IBEX notiert bei einem Jahresminus von 27 Prozent. Und spätestens jetzt beginnen die Zweifel, ob ein „Tief drin“ ist. Der Blick auf die Intermarket-Faktoren Öl und Gold sowie auf den Euro/Dollar verheißt die Fortsetzung einer deflationären Entwicklung.

Es braut sich ein Show-Down zusammen, den wir schon einmal in einer Wochenkolumne beschrieben haben. Bis zu einem Euro/Dollar von 1,18 kann das Finanzsystem gehalten werden, ohne dass exorbitante Maßnahmen erforderlich sind. Sollte der Euro/Dollar die Marke von 1,18 reißen, so dürften sich die Zentralbanken in einer Gemeinschaftsaktion zu einer Stabilisierung des Euro verpflichten. Denn die Amerikaner haben null Interesse an einem starken US-Dollar. Vorbild könnte die Aktion der SNB sein, die den Euro/CHF Kurs bei 1,20 zu stabilisieren versucht. Für einen Eingriff aller großen Zentralbanken zugunsten des Euro würde dann ein Startsignal gegeben werden, wenn der Euro/Dollar auf die Parität „herunterknallen“ würde. So sah dies im Euro/CHF aus.



Eine Stabilisierung des Euro/Dollar bei 1,20 ist wesentlich schwerer zu erreichen als das gleiche im Euro/CHF. Einige tausend Hedge-Fonds würde dies als Einladung betrachten, George Soros zu spielen und gegen die Zentralbanken zu wetten. Aber möglicherweise bleibt den Zentralbanken nichts anderes übrig.

Wir haben Schwierigkeiten, ein Tief an den Aktienmärkten auszurufen, ohne dass sich die Zuspitzung speziell in Europa erledigt hat. Gleichwohl gehen wir nach wie vor davon aus, dass sich das Wahljahresmuster durchsetzen wird. Ein Paniktief mit einem 95%-Abwärtstag würde die Situation wohl fürs erste bereinigen.

Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest

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