ES WIRD ERNST
Wie lange liefert uns Gazprom noch Erdgas?
gestern 13:42 • Finanzen100

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Man kann es drehen und wenden wie man will - der Westen braucht Gazproms Erdgas! Man kann es drehen und wenden wie man will - der Westen braucht Gazproms Erdgas! (©dpa)
Das Erdgas, das aus Russland nach Mitteleuropa kommt, fließt über die Ukraine. Und dort spitzt sich die Lage gefährlich zu, seit am Wochenende pro-russische Milizen mehrere Verwaltungsgebäude gestürmt haben.


(F100) Was die Erdgas-Versorgung Mitteleuropas betrifft, hörte man in den vergangenen Tagen fast nur versöhnliche und verbindliche Töne. So erklärte etwa Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew vor kurzem, dass trotz aller politischen Spannungen die Erdgas-Lieferungen nach Deutschland sicher seien. Der Konzern, so Medwedew, werde seine Vertragsverpflichtungen einhalten. Es mache schließlich keinen Sinn, auf die Einkünfte aus dem Gasexport zu verzichten. Und außerdem sei Gas „keine Waffe, es ist eine Ware“.

Ob das auch in der Ukraine so abgeklärt gesehen wird, darf bezweifelt werden. Anfang 2014 zahlte das Land, das Putin soeben um die Krim gebracht hat, noch 268 Dollar je 1000 Kubikmeter Erdgas. Inzwischen verlangt Gazprom aber 486 Dollar für die gleiche Menge. Damit muss die Ukraine für russisches Erdgas schon rund 65 Prozent mehr berappen als etwa Deutschland.

Gazprom (Sp.ADRs) Gazprom (Sp.ADRs)

Der Grund für die drastische Preiserhöhung sollen einerseits Milliardenschulden sein. Laut Gazprom hat die Ukraine ihre Erdgasrechnungen manchmal nicht vollständig und zuletzt gar nicht mehr beglichen. Und wäre dies das einzige Argument, dann wäre es auch nachvollziehbar. Bitter für die Ukraine ist aber, dass der Erdgasriese jetzt auch den Rabatt aus dem Charkiw-Abkommen strich. Darin hatte Russland 2010 einen deutlichen Preisnachlass zugesichert, wenn es im Gegenzug den Marinehafen von Sewastopol bis 2042 nutzen könne. Inzwischen wurde der Krim-Hafen aber ohnehin von Russland annektiert, und Gazprom hält deshalb auch die bisher gewährten Preisabschläge für gegenstandslos. Der Konzern fordert von der Ukraine jetzt rückwirkend 11,4 Milliarden Dollar zurück.

Greift Putin auch nach der Ost-Ukraine?

Unbezahlte Rechnungen sind momentan allerdings ohnehin die geringste Sorge der Ukraine. Denn der Konflikt mit Russland spitzt sich gerade auf einer ganz anderen Ebene gefährlich zu. In mehreren Großstädten der Ost-Ukraine haben heute pro-russische Aktivisten Verwaltungsgebäude gestürmt und dort russische Fahnen gehisst. In Donezk wurde inzwischen sogar eine „souveräne Republik“ von den Demonstranten ausgerufen. Diese Entwicklungen erinnern auf fatale Weise an die Abläufe, die zur russischen Annexion der Krim führten. Die Regierung in Kiew vermutet hinter den Unruhen dementsprechend einen systematischen Destabilisierungsplan, der nichts weniger als einen Einmarsch russischer Truppen provozieren soll. Der Kreml, so der ukrainische Präsident Alexander Turtschinow, bereite eine Invasion vor.


Und noch ein weiterer Aspekt belastet das ohnehin äußerst angespannte Verhältnis zwischen Russland und dem Rest der Welt. Die ukrainische Übergangsführung beschuldigt nämlich den russischen Geheimdienst FSB, für die Todesschüsse mitverantwortlich zu sein, die im Februar auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan auf Demonstranten abgefeuert wurden. Tatsächlich hat Russland bereits eingeräumt, dass sich FSB-Vizechef Sergej Besseda an den fraglichen Tagen in Kiew aufgehalten hat. Eine Verwicklung in die blutige Niederschlagung der Demonstrationen weist der FSB aber von sich. Man kann sich dennoch ausmalen, wie sich die internationalen Spannungen verschärfen würden, falls die Ukraine ihre schweren Vorwürfe gegen den russischen Geheimdienst tatsächlich untermauern könnte.

Abhängigkeit von der Ukraine

Bis heute ist die Ukraine das wichtigste Transitland für Erdgas, das aus Russland kommt. In Deutschland hat sich die Abhängigkeit von diesem Zubringer zwar etwas entspannt, seit 2011 die Ostsee-Pipeline Nord Stream in Betrieb ging. Der Großteil der ost- und südeuropäischen Staaten ist aber weiterhin darauf angewiesen, dass die Ukraine das zur Durchleitung bestimmte Erdgas unangetastet lässt – auch für den Fall, dass das Land selbst kein Gas mehr von Gazprom bekommt. Im Winter 2009 hatte der Konzern die Belieferung der Ukraine schon einmal ausgesetzt. Damals soll das Land in seiner Not die Lieferungen an den Westen angezapft haben.

Es liegt in Putins Hand

Ohnehin stellt sich bei alledem die Frage, wie eine Verschärfung des Konflikts zwischen Russland und dem Westen überhaupt noch vermieden werden soll. Vor allem wenn Putin jetzt wirklich auch noch die Separatisten in der Ostukraine unterstützen sollte – oder aber, wenn sich die Verdächtigungen um die Todesschüsse auf dem Maidan bewahrheiten sollten – ist eine Zuspitzung unvermeidbar. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Wochenende bereits schwere Sanktionen für den Fall angedroht, dass sich Russland erneut am Territorium der Ukraine vergreife. Und der tschechische Präsident Milos Zeman schlug für diesen Fall zuletzt sogar „den Einsatz von Nato-Soldaten auf ukrainischem Gebiet“ vor.

Wer gehofft hatte, dass sich das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland schon bald wieder normalisiert, sieht sich vorerst enttäuscht. Wie stark sich der Konflikt nun noch zuspitzt, liegt vor allem in Russlands Hand. Klar ist aber auch, dass Putin künftige Drohungen und Sanktionen des Westens nicht unbeantwortet lassen kann. Europa mit seiner Abhängigkeit vom russischen Erdgas zu erpressen, mag dem Kreml zurzeit vielleicht noch fern liegen. Die Option liegt aber – für alle Seiten klar ersichtlich – auf dem Tisch. Und jeder weiß, dass Russland die EU damit dort treffen würde, wo es am meisten wehtut.

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