SORGEN UM FINANZSTABILITÄT

„Kohlenstoffblase“ wird noch lange nicht platzen
heute 07:47 • Finanzen100

Etliche Experten befürchten, dass die Ölfirmen überbewertet sind. (©shutterstock.com/EpicStockMedia)
Finanzinstitute der EU besitzen Aktien und Anleihen von Unternehmen aus dem Bereichen Kohle, Öl und Gas in der Größenordnung von mehr als einer Billion Euro. Die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ befürchtet, dass die Papiere deutlich zu hoch bewertet sein könnten, falls ein Großteil der Rohstoffe wegen der Einhaltung des Zwei-Prozent-Ziels bei der Klimaerwärmung nicht gefördert und verkauft werden kann. Das könnte deutliche Auswirkurgen auf die Finanzstabilität haben. Die Bundesregierung denkt darüber nach, ein Gutachten zu dem Thema „Kohlenstoffblase“ in Auftrag zu geben.

Kräftige Erholung beim Ölpreis: Gegenüber dem Jahrestief vom April ist der Preis der US-Sorte WTI um fast 40 Prozent geklettert. Entsprechend bessern sich die Perspektiven für die weltweiten Ölfirmen, vor allem die US-Unternehmen aus dem Bereich Fracking. Derweil macht sich die Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ Gedanken über die langfristigen Perspektiven der Energiebranche. Wenn das Ziel, die globale Erwärmung bis zum Jahr 2011 auf zwei Prozent zu begrenzen, erreicht werden solle, könnten Firmen wie Exxon Mobil oder Royal Dutch Shell möglicherweise einen Großteil der Reserven, die sie in ihren Büchern haben, nicht abbauen. „Daraus entsteht, wenn die Klimaziele ernst genommen werden, eine Überbewertung der Unternehmen und der Finanzinstrumente, die als sogenannte Carbon Bubble bezeichnet wird“, schreiben die Abgeordnete Bärbel Höhn und etliche andere Abgeordnete der Grünen in einer Anfrage an die Bundesregierung. „Aktien, Anleihen und Kredite der Finanzinstitute innerhalb der Europäischen Union (EU) an Unternehmen, die über fossile Brennstoffreserven und fossile Rohstoffe verfügen, haben einen Umfang von insgesamt über eine Billion Euro. Insgesamt haben alle Öl-, Gas- und Kohlekonzerne einen Börsenwert von fast fünf Billionen Dollar.“

Langfristigen Sorgen übertrieben

Die Sorgen der Grünen scheinen übertrieben. Wie groß der Öl-, Gas- oder Kohleabsatz der Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten sein wird, kann derzeit niemand seriös prognostizieren. Allerdings erscheint es derzeit sehr wahrscheinlich, dass – weiteres Wachstum der Weltwirtschaft vorausgesetzt – auf absehbare Sicht die Nachfrage nach Öl und Gas zulasten der klimaschädigenden Kohle weiter zunehmen wird. Von großer Bedeutung ist zudem die Preisentwicklung. So liegt der aktuelle Ölpreis von 61 Dollar je Barrel um 145 Prozent über dem Niveau von Anfang 2000. Der weltweite Ölverbrauch ist in dem Zeitraum aber nur um 20 Prozent auf rund 91 Mio. Barrel pro Tag geklettert. Verantwortlich für den sehr starken Preisanstieg ist die US-Geldmenge, die in dem Zeitraum um 165 Prozent geklettert ist. Denn weltweit sind die Öl-Läger randvoll, weil die Förderung nicht zuletzt in den USA am Rekordhoch liegt. Sollte die US-Notenbank auf die nächste Krise mit einer neuen Runde Gelddruckens reagieren – und die Wahrscheinlichkeit hierfür ist extrem hoch – dann dürfte der Ölpreis trotz schwacher Nachfrage deutlich klettern. Denn aufgrund der Dollarschwemme verliert der Greenback an Wert, weshalb man umso mehr Dollar für das gleiche Barrel Öl auf den Tisch legen muss.

Das Beste jeder Börsenwoche lesen Sie in unserem Newsletter Finanzen100 Weekly - kostenlos und für Smartphones und Tablets optimiert. Jetzt anmelden!
Geldschwemme treibt Aktienmarkt

Die Börse preist ohnehin nicht den langfristigen Wert des Unternehmens ein. Der stärkste Treiber an den Börsen ist derzeit das gigantische Gelddrucken der japanischen Notenbank und der EZB. Die Geldschwemme treibt den Aktienmarkt und damit auch die Öl- und Gasaktien auf künstliche Art und Weise nach oben. Bestenfalls schauen Investoren noch auf den Gewinn der Öl- und Gasfirma für das nächste Jahr. Dabei ist selbst der nur schwer zu prognostizieren, wie der jüngste Einbruch des Ölpreises eindrucksvoll gezeigt hat. Derweil werden die Unternehmen, wie BP, alles in ihrer Macht stehende tun, um die Kosten zu senken und die Investitionen zu drücken, um Investoren über eine hohe Dividende weiter bei der Stange zu halten. Das sollte die Aktien stützen.

Risiko Ölpreisverfall

Zu Turbulenzen könnte es allerdings kommen, falls es in den nächsten Jahren zu einem deutlichen Rückgang des Ölpreises kommen sollte. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind die Schulden des weltweiten Öl- und Gassektors seit 2006 von einer Billion Dollar auf 2,5 Billionen nach oben geschossen. Allein die Schulden der US-Fracking-Industrie liegen bei rund 500 Mrd. Dollar. Vor dem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass die US-Regierung und die Notenbank an einem hohen Ölpreis interessiert sind. „Glücklicherweise“ kann man es leicht schaffen, dass er oben bleibt. Man muss nur beispielsweise gleich nach Handelsstart in den USA für eine Mrd. Dollar Kaufaufträge für Öl-Futures geben und schon zieht der Preis nach oben. Wie die fundamentale Lage am Ölmarkt ist, spielt dann kaum noch eine Rolle. Hingegen wäre ein deutlicher Rückgang des Ölpreises eine erhebliche Belastung für den Finanzsektor, wenngleich das nichts mit der „Carbon Blase“ zu tun hat. Wenn erst einmal die Zinsen für Ramschanleihen aus dem Ölsektor nach oben schießen würden, würden auch die Zinsen für „normale“ Anleihen – sprich Investmentgrade-Anleihen – steigen. Das würde die mit 60 Billionen Dollar verschuldete US-Wirtschaft – das sind 335 Prozent der Wirtschaftsleistung - enorm belasten.

Anleger sollten den Ölpreis weiter im Auge behalten. Dass er trotz einer Serie schwacher Fundamentaldaten steigt, zeigt, dass er nach oben will – woran auch immer das liegen mag. Vor dem Hintergrund brauchen sich Anleger erst einmal keine Sorge wegen eines möglichen Platzens der „Carbon Blase“ machen.

von Egmond Haidt
http://www.finanzen100.de/finanznach...223267_184513/