Die Entwicklung des Goldpreises in diesem Jahr ist für Anleger nicht so richtig erfreulich. 1219 Dollar kostete eine Feinunze zu 31,1 Gramm am Freitag. Seit gut einer Woche krebst der Preis des Edelmetalls in der Nähe seines Jahrestiefstands herum. Seit Jahresanfang ist der Goldpreis in Dollar gerechnet um 6,4 Prozent gefallen, in Euro immerhin um 3,4 Prozent. Eine tolle Rendite sieht anders aus. Zwei Faktoren schaden dem Goldpreis dabei: Die Erwartung steigender Zinsen vor allem in Amerika drückt den Preis des zinslosen Goldes. Und, damit verbunden, macht auch die Stärke des Dollars dem Edelmetall zu schaffen.

Weil sich beides vermutlich nicht so ganz schnell grundlegend ändern wird, wetten viele Profianleger gegen den Goldpreis. Die Zahl der Wetten auf einen weiter fallenden Goldpreis ("Short-Positionen") übersteigt die der Wetten auf einen steigenden Preis ("Long-Positionen") nach Angaben der Handelskommission Commodity Futures Trading Commission (CFTC) mit Sitz in Washington um 26 400. "Das ist ein außergewöhnlich hoher Wert, in ähnlicher Größenordnung bewegte sich der Markt das letzte Mal im Jahr 2015", sagt Jan Edelmann, Rohstoffanalyst der HSH Nordbank.

Ganz anders dagegen sieht die Situation unter Privatanlegern in Deutschland aus. Goldhändler wie die Kette Pro Aurum in München berichten davon, der deutsche Privatanleger kaufe weiter munter Gold - die Nachfrage habe sogar zuletzt deutlich zugenommen. "Die schlechte Gold-Nachfrage, die wir in den ersten fünf Monaten des Jahres gesehen haben, hat sich bei Pro Aurum deutlich erholt", sagte ein Sprecher. "Unsere Umsätze liegen aktuell durchschnittlich 25 Prozent höher als im ersten Quartal des Jahres." Neun von zehn Kunden seien wieder auf der Käuferseite. Auch der Gold-Internethändler Coininvest berichtet, sein Absatz sei derzeit sehr gut und liege rund 50 Prozent über den Vorwochen.
Womit hängt das zusammen? Sind die gut informierten Profi-Anleger einfach schlauer als die deutschen Privatanleger, die sich von Glanz und Historie des Goldes blenden und zu einem zumindest im gegenwärtigen makroökonomischen Umfeld unvorteilhaften Investment verleiten lassen? In Internetforen machen sich die Freunde des Goldes gegenseitig Mut. Den Preisverfall zu leugnen hat ja wenig Sinn, stattdessen wird die Entwicklung umgedeutet: Wenn der Preis so lange gefallen ist, muss er ja irgendwann auch mal wieder steigen - aus dem unerfreulich niedrigen Preis für Gold wird dann ein echter Kaufkurs.

Nicht ganz zu Unrecht wird zudem argumentiert, das Investment-Motiv von Profi-Anlegern in "Papiergold" genannte Wertpapiere auf Gold sei einfach ein anderes als das von Privatanlegern, die ihr Geld in physisches Gold stecken. Währen die Profis vor allem auf die Rendite in den nächsten Monaten schielten, hätten die Privatanleger eine langfristige Absicherung gegen schwere Krisen im Blick. Und wem die kurzfristige Preisentwicklung egal ist, weil er ohnehin sein Gold im Tresor liegen lässt, es nicht verkaufen will und damit Buchverluste nicht realisieren muss - der kann eine Zeit niedriger Preise zum Kaufen nutzen.

Hat die Goldanlage dabei aber auch eine gleichsam "ideologische" Komponente - nach dem Motto, was dem linken Payment-Nerd sein kleines Bitcoin-Depot ist, ist dem konservativen Stammtisch-Draghi-Kritiker sein Goldbarren im heimischen Tresor? Ein Pro-Aurum-Sprecher meint dazu: "Gold ist seit mehr als 5000 Jahren eine Erfolgsgeschichte, und es hat sich in der Vergangenheit häufig als Wertspeicher bewährt." Es liege vor diesem Hintergrund schon nahe, dass das Edelmetall von seinen Fans als solide, "konservative" Vermögensanlage begriffen werde, die im Depot die Aufgabe einer Versicherung übernehmen solle. "Tatsächlich haben viele unserer Kunden das Vertrauen in die Währungspolitik der EZB teilweise verloren", sagte der Sprecher. Dieses erschütterte Vertrauen sei eine Haupttriebfeder für Gold-Anleger. "Bitcoin ist neu, trendy, modern und steht sicherlich gerade bei Digital Natives hoch im Kurs", sagte der Sprecher. Aber niemand wisse, ob es diese Kryptoanlage in zwei Jahren noch gebe: "Wir haben auch viele junge Menschen in unseren Niederlassungen, die Gold-Freunde sind. Die interessieren sich weniger für Ideologie - sondern vielmehr für die Erfolgsbilanz von 5000 Jahren."